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Deutschlernen im französischen Schulsystem = Mission impossible?

Ich heiße Sophie Kuhn, bin 25 Jahre alt und am Niederrhein nicht weit vom französischen Nachbarland aufgewachsen, wo ich auch meinen gesamten Bildungsweg absolviert habe. Meine Affinität zu Fremdsprachen hatte zur Folge, dass ich von Klein an bilingualen Unterricht hatte und diesen Weg auch während meines Studiums weiterverfolgte. Ich entschied mich also dazu, den Lehrberuf anzustreben und begann mein Studium in den Fächern Anglistik/Amerikanistik und Sozialwissenschaften in Wuppertal. Während meines Studiums verschlug es mich zunächst nach Birmingham, wo ich vier Monate an einer britischen Schule als Sprachassistentin arbeitete. Daraufhin folgte ein Auslandssemester in Paris. Dabei wurde mir klar, dass Frankreich meine Wahlheimat werden sollte, denn hier hielt, und hält heute noch, jeder Tag ein neues aufregendes Erlebnis bereit. Sei es das Überwinden der sprachlichen Barriere oder das Entdecken von kulturellen Unterschieden. Nach Ende meines Studiums, stieß ich auf die Initiative Mobiklasse.de, ein Programm des DFJWs (Deutsch-Franz. JugendWerk), das die deutsche Sprache in französischen Schulen bewirbt. Seit September 2020, wohne ich nun also im schönen Nantes, wo ich nicht nur Werbung für die deutsche Sprache mache, sondern auch zeitweise Sprachkurse an der Université de Nantes gebe. 

Hürden des französischen Schulsystems

Deutschlernen im französischen SchulsystemNachdem ich mich in Frankreich niedergelassen hatte und meine eigene Karriere als Sprachlehrkraft begann, verfolgte ich das Ziel während meiner Kurse eine Art Safe Space zu kreieren, in dem Lernende sich trauen Fehler zu machen, eine Umgebung zu schaffen, in der jede Meinung zählt und geäußert werden darf. Diese Aufgabe erwies sich jedoch als große Herausforderung, nachdem ich etwas tiefer in das französische Schulsystem eingetaucht war. Wirft man einen Blick auf das Unterrichtsgeschehen, wird schnell deutlich, dass es nicht Schülerinnen und Schüler (im Folgenden mit „SuS“ abegkürzt) sind, die die Stunde gestalten, sondern überwiegend die Lehrkraft selbst. Dabei handelt es sich häufig um Frontalunterricht, in dem das Machen von Fehlern bestraft und auch vor der ganzen Klasse angeprangert wird. Diese Erfahrung hatte ich bereits am eigenen Leib erlebt während meines Aufenthaltes in Paris. Doch ist nicht die Schule genau der Ort, an dem es mehr als legitim ist, sich zu täuschen, Aussagen zu revidieren und zu korrigieren? Durch Fehler lernt man, oder? Die Schule als Stätte des Lernens oder Stätte der Sanktion? Gerade im Sprachenunterricht ist diese Weise zu unterrichten natürlich besonders hinderlich. Zum einen hat dies zur Folge, dass die Beteiligung der SuS extrem gering ist. Zum anderen führt die Angst, die falsche Grammatik oder Vokabel zu benutzen zu einer sprachlichen und mentalen Blockade, die die Lernenden nur schwer überwinden. Und genau diese Haltung seitens meiner SuS, erfuhr ich in den ersten Stunden meines Unterrichts. Ich hatte große Probleme damit, Studierende zum Sprechen zu animieren oder eine persönliche Meinung aus ihnen herauszubekommen. Häufig stieß ich auf schockierte Gesichter, die nicht glauben konnte, dass sie gerade wirkliche dazu aufgefordert wurden, vor allen anderen zu sprechen und dann auch noch in einer anderen Sprache!

Les Français sont nuls en langues étrangères

Allerdings darf man nicht vergessen, dass das Gerücht, Franzosen und Französinnen würden sich weigern, eine andere Sprache außer ihrer eigenen zu sprechenDeutschlernen im französischen Schulsystem und selbst wenn sie es versuchen, dabei sowieso scheitern, immer noch sehr präsent ist. Die Konsequenz daraus ist, dass sich dieses Bild in den Köpfen vieler Franzosen und Französinnen soweit manifestiert hat, dass sie selber daran glauben und meinen, dass dies nun mal einfach an ihrer Nationalität liegt und es ihnen demnach unmöglich ist, eine Fremdsprache perfekt zu beherrschen. Unweigerlich trägt dies dazu bei, dass sich viele Franzosen und Französinnen in der vorher genannten Aussage bestätigt fühlen und noch mehr Angst vorm Sprechen einer Fremdsprache haben.

Geduld haben als Lehrkraft

Es ist teilweise schwer, die Leitungsrolle im Unterricht auch mal auf die SuS zu übertragen, nach Meinungen zu fragen oder sie gar zum Sprechen zu bringen. Es stimmt, dass die Umsetzung dieser Art zu unterrichten enorm viel Geduld und Ausdauer bedarf. Dennoch ist dies nicht unmöglich, solange man beständig bleibt, und genau dabei helfen die Einflüsse des deutschen Schulsystems. Es ist wichtig, Raum für mündliche Teilnahme zu schaffen, sich Zeit für die Korrektur von Fehlern zu nehmen und durchgehend ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Den Gebrauch von falschen Artikeln begrüßen oder auch der falschen Satzstruktur im Nebensatz mit viel Verständnis und manchmal vielleicht auch etwas Humor begegnen – warum nicht? Denn auch als Lehrender darf man nicht vergessen, dass man einmal Lernender war und genau dieses Bild hilft ungemein bei dem Vermitteln einer Fremdsprache. Und mit diesen wichtigen Denkansätzen führte ich meinen Unterricht fort. Es dauerte einige Wochen, bis die SuS sich wohl genug fühlten, eigene Sätze zu konstruieren. Doch sobald dieser Moment erreicht war, machte sich ein Gefühl von Erleichterung und Freunde in mir breit. Diese Begeisterung zeigte ich meinen SuS vor allem durch Lobaussprechungen, welche das sprachliche Eis brachen und dazu führten, dass ab diesem Zeitpunkt die mündliche Beteiligung nicht länger ein Problem darstellte. Deutschlernen im französischen SchulsystemStudierende führten ganze Debatten auf Deutsch und begannen sich immer mehr für Land und Leute zu interessieren. 

Meine ganz persönliche Belohnung war das Feedback, was ich von Seiten meiner Studierenden am Ende des Semesters bekam, die unterstrichen, wie sehr ihnen der Kurs dabei geholfen hatte, die Angst vor der Kommunikation zu verlieren und nun der nächste Schritt ein Auslandsaufenthalt in Deutschland sei! 

 

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